Wichtige Brücke und Atomforschungsanlage in Kiew bei russischen Angriffen getroffen
Russland hat seine zuletzt verstärkten Angriffe auf Kiew fortgesetzt und ukrainischen Angaben zufolge eine wichtige Brücke in der ukrainischen Hauptstadt erstmals seit Kriegsbeginn angegriffen. Dabei sei der Stützbereich der Südbrücke getroffen worden, erklärte Bürgermeister Vitali Klitschko am Donnerstag. Am Vortag wurde nach Angaben der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde eine Atomforschungsanlage in Kiew von einer russischen Drohne getroffen. Derweil wurden die Menschen nach Stromausfällen in mehreren Regionen zum Energiesparen aufgerufen.
Die Südbrücke, die den Westen und den Osten Kiews verbindet, wurde vorübergehend gesperrt, später jedoch wieder freigegeben, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten. Nach vorläufigen Untersuchungsergebnissen hätten Fachleute keine schwereren Schäden an der Konstruktion festgestellt, erklärte die Stadtverwaltung.
Auf Telegram veröffentlichte Aufnahmen zeigen eine Explosion in der Nähe einer der Pfeiler der Schrägseilbrücke, über die sowohl Straßenverkehr verläuft als auch Züge der Kiewer U-Bahn fahren. Eine dicke schwarze Rauchwolke ist zu sehen, die von der Brücke in die Luft aufsteigt.
Die Brücken in der ukrainischen Hauptstadt sind von entscheidender Bedeutung für die Logistik. Der letzte Angriff auf eine Brücke in Kiew war im Oktober 2022: Damals schlug eine russische Rakete auf einer Brücke im Stadtzentrum ein, die für das Verkehrssystem keine große Bedeutung hatte und nur für Fußgänger und Radfahrer war.
Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde teilte am Donnerstag mit, dass am Vortag das Gelände einer Atomforschungsanlage in Kiew getroffen worden sei. Dies habe einen Brand ausgelöst, der gelöscht worden sei. Verletzt worden sei niemand. Der kleine Reaktor, der seit 2022 außer Betrieb ist und bei dem das Uran aus dem Kern entfernt wurde, sei nicht beschädigt, und es sei keine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden.
Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde machte keine Angaben dazu, wo die Drohne einschlug und veröffentlichte kein Bildmaterial des Angriffs. Der Forschungsreaktor hat eine Leistungskapazität von rund zehn Megawatt, etwa einem Hundertstel der Erzeugungskapazität eines konventionellen Atomreaktors. Weder Russland noch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) äußerten sich zunächst zu dem Vorfall.
Mehrere Atomstandorte in der Ukraine sind seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 unter Beschuss geraten. Das hat die Angst vor einem Atomunfall verstärkt. In der Ukraine gibt es vier Atomkraftwerke, darunter das größte Europas in Saporischschja. Das Akw wurde 2022 von russischen Truppen besetzt.
Derweil rief der ukrainische Netzbetreiber Ukrenerho die Verbraucher zum Stromsparen auf, nachdem Angriffe zu Stromausfällen in fünf Regionen geführt hatten. Verbraucher sollten "energieintensive Nutzung" auf die Tagesstunden verlegen, wenn der Verbrauch geringer ist, erklärte das Unternehmen. In einigen Gebieten sei am Abend ein sparsamer Verbrauch nötig.
Russland hat seine Drohnen- und Raketenangriffe auf Kiew in den vergangenen Monaten verstärkt. Moskau setzt verstärkt neuartige Drohnen ein, die schneller fliegen und schwieriger abzufangen sind. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erklärte am Mittwoch, Russland habe begonnen, eine Drohne mit Jetantrieb einzusetzen, um Strommasten und Stahlbrückenkonstruktionen zu beschädigen. Russland erklärte seinerseits, es habe die Energieinfrastruktur der Ukraine ins Visier genommen.
Die jüngste Zunahme russischer Angriffe hat Befürchtungen vor einem weiteren Winter mit wenig oder gar keiner Strom- und Heizversorgung geschürt. Im vergangenen Jahr hatte es bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad ebenfalls viele Angriffe gegeben.
Der ukrainische Präsident Selenskyj erklärte derweil, die russischen Streitkräfte hätten zudem eine Schule in Kiew angegriffen. Kinder und Lehrer hätten sich in einem Schutzraum aufgehalten. Opfer wurden nicht gemeldet.
Auf dem Schlachtfeld gewann die ukrainische Armee unterdessen erstmals seit drei Monaten wieder mehr Gelände als sie verlor, wie aus einer AFP-Analyse hervorgeht. Auf Grundlage von Daten des US-Instituts Institute for the Study of War (ISW) ergibt sich für die Ukraine ein Netto-Gebietsgewinn von rund 80 Quadratkilometern.
Den größten Erfolg erzielten die ukrainischen Truppen demnach in der östlichen Region Donezk. Wie aus der AFP-Analyse hervorgeht, eroberten sie dort im Zuge der Anfang September gestarteten Gegenoffensive unter dem Namen "Operation Vivaldi" insgesamt 172 Quadratkilometer zurück. Ziel des Einsatzes ist es, die russischen Truppen von den strategisch wichtigen Städten Slowjansk und Kramatorsk zurückzudrängen.
V.Kern--BVZ