Berliner Volks-Zeitung - KI und neue Standards: Wege zur Senkung der Sepsissterblichkeit in Deutschland

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KI und neue Standards: Wege zur Senkung der Sepsissterblichkeit in Deutschland
KI und neue Standards: Wege zur Senkung der Sepsissterblichkeit in Deutschland

KI und neue Standards: Wege zur Senkung der Sepsissterblichkeit in Deutschland

Die Sepsis ist eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland, wird jedoch oft zu spät erkannt. Fachgesellschaften fordern den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Früherkennung sowie verbindliche Qualitätsstandards und verbesserte Nachsorge, um die hohe Sterblichkeit im internationalen Vergleich zu senken.

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Berlin. Die Sepsis zählt in Deutschland zu den häufigsten Todesursachen, bleibt aber in der klinischen Praxis oft unterschätzt. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) mahnt anlässlich des Welt-Sepsis-Tages am 13. September, dass das Bewusstsein für die Warnzeichen und die Geschwindigkeit, mit der sich der Zustand verschlechtern kann, aufseiten von Patienten sowie im medizinischen Personal häufig fehle. Oft werde die Erkrankung in Kliniken zu spät diagnostiziert, was lebensnotwendige Therapien wie den sofortigen Einsatz von Antibiotika, die Beseitigung des Infektionsherdes und die Kreislaufunterstützung verzögere.

Jens Werner, Präsident der DGCH, konstatiert, dass dieses Defizit zwar lange bekannt sei, eine Trendwende jedoch ausgeblieben sei. Als möglicher Ausweg sieht er den Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). Da es bei der Sepsis-Diagnostik im Kern um Mustererkennung gehe, eine Fähigkeit, in der KI-Systeme dem Menschen überlegen sein könnten, böte sich die Technologie an. In verschiedenen Kliniken im In- und Ausland würden bereits Tools erprobt, die sepsistypische Muster in Patientendaten wie Körpertemperatur, Blutwerten, Vitalparametern und der Krankengeschichte aufspüren.

Ein konkretes Beispiel aus Deutschland ist das Ampel-Projekt des Universitätsklinikums Leipzig. Hier berechnet eine KI das Sepsis-Risiko automatisch anhand des kleinen Blutbildes, das bei Klinikpatienten in der Regel vorliegt. Die Fachgesellschaft hebt hervor, dass sich langfristig Systeme als besonders wertvoll erweisen dürften, die auf ohnehin vorhandene elektronische Daten zugreifen, permanent im Hintergrund laufen und ungefragt Alarm schlagen. Dies umgehe das Problem, dass eine Sepsis viel zu selten überhaupt in Betracht gezogen werde.

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) fordert neben digitalen Lösungen mehr Wissen über Warnzeichen in der Bevölkerung und eine kontinuierliche Sensibilisierung aller im Gesundheitswesen Tätigen. Thorsten Brenner, Sprecher der Sektion Intensivmedizin der DGAI, vergleicht die Situation mit anderen akuten Notfällen: „Bei Herzinfarkt und Schlaganfall ist heute weithin bekannt, dass schnelles Handeln entscheidend ist. Dieses Bewusstsein brauchen wir auch für die Sepsis.“

Internationale Vergleiche zeigen erhebliches Verbesserungspotenzial auf. Ein Anfang September veröffentlichtes Dossier der Sepsis-Stiftung Deutschland geht von mindestens 140.000 sepsisbedingten Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus. Während die sepsisbezogene Mortalität in Deutschland zwischen 1990 und 2019 um 10,1 Prozent zunahm, ging sie in Norwegen um 26,7 Prozent und in Finnland um 21,1 Prozent zurück. Die Stiftung attestiert daraus einen erheblichen Handlungs- und Lernbedarf.

Um die Versorgungsqualität zu sichern, verweist das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) auf das neue Qualitätssicherungsverfahren „Diagnostik und Therapie der Sepsis“ (QS Sepsis). Entscheidend seien nicht nur einzelne Behandlungsschritte, sondern auch verlässliche Strukturen und Prozesse in den Krankenhäusern. Alle stationären Leistungserbringer in Deutschland sind zur Teilnahme verpflichtet. Erste Ergebnisse des Verfahrens erwartet das Institut im Herbst 2027.

Ein weiterer kritischer Aspekt ist die Zeit nach der Akutphase. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) weist darauf hin, dass Betroffene und Angehörige auch nach einer überstandenen Sepsis Orientierung und Unterstützung benötigen. Alexander Zarbock, Generalsekretär der DIVI, betont: „Nur das Überleben zu sichern, ohne die Nachsorge sicherzustellen, kann kein vernünftiges Ziel sein.“

Nach der akuten Phase können Nieren, Lunge, Herz oder andere Organe geschädigt bleiben. Hinzu kommen möglicherweise Einschränkungen der Beweglichkeit, kognitive Probleme oder psychische Belastungen, die sich teils erst Monate oder Jahre später zeigen. Zarbock warnt davor, die Verantwortung einfach an die weiterbehandelnden Ärzte abzugeben. Intensivmediziner müssten besser dafür sorgen, dass bei der Entlassung klar ist, welche Organe betroffen waren, welche Risiken daraus entstehen und welche Kontrollen notwendig sind. Die DIVI ruft Kliniken auf, diese Informationen im Entlassbrief festzuhalten und Betroffene sowie Angehörige verständlich darüber aufzuklären, damit Haus- und Fachärzte gezielt an die Akutbehandlung anknüpfen können.

L.Riedel--BVZ